Montecristo oder nicht Montecristo – das war hier die Frage - ein Degustationsbericht

Soweit käme es noch, daß man das Amuse Gueule im vorab bestimmen würde – ein bißchen Überraschungspotenzial muß sich der Küchenchef schließlich vorbehalten. So wurde denn auch wohlmeinend und optimistisch zum White Port eine frische Auster mit Pumpernickel und Garnitur serviert. Ganz hervorragend, sicher, aber doch bemerkenswert für die Einleitung einer Menüfolge, die eine Zigarrenverkostung eröffnet. Wohl dem, der danach nicht zum Wasserglas griff. Der erste Gang, Caesar Salat mit gebratenen Riesengarnelen, Bauernbrot - Crostini, knusprigem Speck und Parmesan brachte alles sanft ins Lot, weg vom ozeanfrischen Eindruck, hin zu den deftigeren Freuden. Danach wurde Kartoffelschaumsuppe mit grünem Trüffelöl genossen, es folgte fantastisch rosa gegrillte Entenbrust vom Holzkohlegrill mit Galangaljus, Kartoffel-Linsen Püree mit Amaranth, Gemüse und zum Abschluß eine meisterhafte Gebrannte Vanillekrem sowie Zitronensorbet mit Rübenkraut, deren Dialog den Gaumen genau dorthin brachte, wo er hin sollte – in eine erfrischt-neutrale Erwartungshaltung.
Eine große Zigarre sollte man nicht auf leeren Magen genießen, und bei einem Stückpreis von 56 € und dem edlen Markennamen Montecristo lag es nahe, die Gran Reserva Cosecha 2005 für eine große Zigarre zu halten.
Mit allen Sinnen empfingen die Degustateure an vier Sechsertischen die ausgesprochen edel anmutende Montecristo-Piramide, deren auffallend feines Coloradodeckblatt dezente Süße und blasse Fruchtigkeit neben ein paar nussigen Nuancen verströmte. Es wäre übertrieben, zu behaupten, daß die Zigarre im Kaltzustand großen Eindruck zu erwecken imstande gewesen wäre. Schnell war man sich einig, daß die Tabake der Zigarre für ihre vergleichsweise Jugend schon recht gut miteinander verheiratet waren, wie gesagt auf recht sanftem Niveau. Ebenfalls Einigkeit wurde darüber erzielt, daß der Kaltgeruch der hübschen Piramide erheblich vom gewohnten Duft der Montecristo No. 2 abwich. Freilich, es ist keine Kunst, die Montecristo No. 2 gut zu finden, doch am bewußten Abend hatten sich – wen wunderts – vor allem Freunde und Kenner der legendären Piramide eingefunden, die neugierig darauf waren, ob das an und für sich beträchtliche Rauchvergnügen dieser Vitola durch die Verwendung von Tabaken eines Jahrganges noch gesteigert werden könnte.
Man rauchte unter idealen Bedingungen – dezente Lüftung, aufmerksamer Service, entspannte Gesellschaft, dezente Beleuchtung; und während meine Tischnachbarn und ich von Beginn an durch Stärke und Aroma der Zigarre und ihren funktionierenden Dialog mit dem gereichten Brandy beeindruckt waren, gab es an den anderen Tischen zum Teil widersprechende Äußerungen, was durchaus auch daran gelegen haben könnte, daß zwei Kisten geöffnet wurden, obwohl sie das identische Boxingdate 11/2011 aufwiesen. Zumeist wurde die Zigarre im ersten Drittel als sanft wahrgenommen; leichtgewichtig sogar, so daß der dazu kredenzte Jaime I Brandy de Torres die Zigarre in der Wahrnehmung ihrer Tester ausdominierte. Auffällig auch im Smoke – die Montecristo schmeckte nicht nach Montecristo, ließ die gewohnt typische Saftigkeit vermissen. Dafür überraschte sie mit dezenter Honigsüße, Holztönen und grasig-floralen Aromen, die man eher einer Cohiba zugetraut hätte. Schnell präsent war eine beachtliche Fülle von Krokantaromen. So wie überhaupt hellere Röstaromen dominierten, bei einem Viertel der Tester von Beginn an kraftvoll, bei den anderen eher verhalten. Hier gab es Hinweise auf Ähnlichkeiten zur Trinidad Ingenios Limitada 2007. Das montecristotypisch dunkle Aromenspektrum fehlte nahezu vollständig.
An meinem Tisch wurden moosig-pilzige Nuancen konstatiert und hoch genußvolle Rauchzeiten von 95-120 Minuten realisiert, während an den anderen Tischen davon gesprochen wurde, daß die Zigarre tatsächlich erst im letzten Drittel Kraft entfaltete und nun endlich perfekt mit dem Brandy harmonierte. Allgemeine Einigkeit herrschten hinsichtlich ihrer Gutmütigkeit – trotz ihrer Jugend hielten sich ihre winzigen Unarten in sehr engen Grenzen (an meinem Tisch bemerkten wir keine einzige davon), sowie auch der Tatsache, daß die Cosecha 2005 aufgrund ihres Geschmacksbildes nicht als montecristotypisch bezeichnet werden kann. Und: ja, die Zigarre ist ihr Geld wert. In guter Gesellschaft und nach einem gelungenen Menü allemal. Ebenfalls Einigkeit wurde im Hinblick auf ihr Potenzial erzielt; bei qualitätsgerechter Lagerung, selbstverständlich unter Idealbedingungen in geschlossener Kiste, sollte man sich seine nächste Cosecha 2005 wohl erst um das Jahr 2017 gönnen. Bis dahin heißt es, wie bei vielen guten Dingen im Leben, abwarten und beim Genuß anderer bereits ausgereifter Puros ganz entspannt annehmen, daß die Maya ihren Kalender rein zufällig am Ende dieses Jahres enden ließen.

Montecristo No. 2 Gran Reserva Cosecha 2005

 

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