Die berechtigte Frage nach den tausend Aromen

“...intensive Aromen von gebrannten Mandeln, Schmalzgebäck und trockene Kakaonoten wechseln mit Aromen von Marzipan, Paranüssen, Kandiszucker und Kräutern. Ein Zug bringt pilzige Andeutungen, der nächste mentholische Kühle. Weißer Pfeffer tritt zunehmend in den Vordergrund. Der Hintergrund wird erdig-holzig, so daß man sich seltsamerweise an einen mäßig alten Single Malt erinnert fühlt. Das Finish endet in Bitterschokolade...“

Dieser Auszug aus unseren Verkostungsnotizen zur 2010er Habanos Edición Limitada „Montecristo Grand Edmundo“ mag manchem Zigarrenfreund dick aufgetragen scheinen. Immerhin gibt es aufmerksame Leser, die im Text die Nennung von mehr als zwanzig Aromen festgestellt haben. (Gegenüber den zigtausend aromatischen Stoffen und Stoffverbindungen, die beim Genuß einer Habanos entstehen, ist das allerdings wahrhaft bescheiden.) Immer wieder wird die Frage geäußert, wie wir zu diesen Beschreibungen kommen. Deshalb hier die Erklärung.:
Zunächst erst einmal: der Autor handelt nicht allein. Seine vordringliche Aufgabe ist es, jene Sinneseindrücke zu protokollieren und zusammenzufassen, welche von den Teilnehmern einer organisierten Zigarrenverkostung geäußert werden und dabei eine bildhafte, assoziationsreiche Sprache zu pflegen, die dem Laien immerhin ungewohnt barock vorkommen mag, jedoch Sinn macht. Da nicht jeder über den gleichen Erfahrungsschatz an Geschmackserlebnissen verfügt, empfiehlt sich eine breitgefächerte Aufstellung der Beispiele und Bilder, damit der Leser so gut als möglich nachempfinden kann, welche Wahrnehmungen er beim Genuß einer solchen Zigarre zu erwarten hat. Wenn beispielsweise von Schmalzgebäckaromen die Rede ist, so wird damit bildhaft und verständlich, kurz und bündig ein Konglomerat von fettigen, süßen, karamelligen, Vanille- und Röstaromen beschrieben. Desweiteren gibt es Wahrnehmungen, wie jenes Gefühl von Kühle an Zunge und Gaumen, wie es beim Genuß von Minze oder Menthol entsteht, ohne daß dies ein direkter Geschmackseindruck wäre. Auch Schärfe entspricht letztlich keinem Grundgeschmack, sondern der Wahrnehmung eines Verbrennungsreizes.
Die Zigarren gründlich und sachgerecht zu verkosten gehört für uns zu den Grundlagen anspruchsvoller Beratung; jeder der mag, soll anhand unserer Notizen entscheiden können, ob die beschriebene Zigarre zu seinem bevorzugten Geschmacksbild paßt.
Zigarren, die zur Bewertung anstehen, werden bei uns stets von mehreren erfahrenen Zigarrenrauchern (mindestens 3) gleichzeitig und unter gleichen Bedingungen – bis hin zum Begleitgetränk – degustiert. Die Teilnahme an einer solchen Verkostung setzt einen geschulten Gaumen und die Fähigkeit zum kenntnisreichen Rauchen voraus. Schließlich bedingt der vollkommene Genuß eines jeden Formates auch eine angepaßte Rauchtechnik. Wer Zigarren pafft, statt dem Rauch alle Nuancen abzuschmecken und somit auch seine Nase zum Einsatz zu bringen, wird andere Geschmackserlebnisse haben als ein erfahrener Connaisseur.
Für die kollektive Meinungsbildung gibt es im wesentlichen zwei Möglichkeiten. Entweder tauschen sich die Tester während des Rauchens über ihre Empfindungen aus und erstreiten so Kompromisse, oder sie notieren diese zunächst still für sich, um sich gegenseitig nicht zu beeinflussen und diskutieren die Formulierung anschließend. Verglichen und ausgewertet wird immer einige Zeit nach dem Ende des Smokes, schon um auch die Nachhaltigkeit der Zigarre bewerten zu können. Es werden stets nur jene Wahrnehmungen und Wertungen ins Protokoll einbezogen, die von der Mehrheit der Tester nachvollzogen werden können. Erklärt beispielsweise ein Tester, daß ihn die Aromen der Zigarre an Schokolade erinnern, so mag das für ihn durchaus zutreffen. Können jedoch die anderen Tester diese Empfindung nicht bestätigen, so wird die Schokoladennote als nichttypisch angenommen und entsprechend im Text nicht erscheinen. Ist im umgekehrten Falle die Mehrheit der Tester davon überzeugt, daß die Zigarre schokoladige Aromen freisetzt, so wird das Veto jenes Testers ignoriert, der keine entsprechende Wahrnehmung mitteilt. Dies trägt dem Umstand Rechnung, daß auch keine zwei Zigarren aus einer Kiste gleich sind. Wechselnde Anteile der Einlagetabake, die Art der Verarbeitung und die Unterschiede von Blatt zu Blatt und von Pflanze zu Pflanze sind die Verursacher der geschmacklichen Differenzen.
Bewertet werden grundsätzlich die Grundaromen, Stärke und Aromen der Zigarren, und zwar im ersten, im zweiten und im letzten Drittel der Zigarre. Wenn es sich bei den getesteten Stücken nicht gerade um 08-15-Ware handelt, kommt da schnell eine zweistellige Zahl von Aromen zusammen. Typisch ist für die meisten von ihnen, daß sie nicht allein auftreten, sondern in Gruppen, welche wiederum an bestimmte Geschmackserlebnisse erinnern. „Heu das auf Wiesen dunstet“ vermittelt ebenso ein stimmiges Bild wie „Pilze, die in der Sonne trocknen“. Dergleichen hat jedermann schon wahrgenommen und kann sich auch erinnern. Bestimmte Spezifika wie beispielsweise „Duft nach jungen Brennesseln“ oder „eine oxydative Madeiranote“ sind schon eher kein Allgemeingut. Wenn Sie wissen wollen, was sich dahinter verbirgt, sollten Sie eine junge Brennessel pflücken oder einen Schluck Madeira im Glas schwenken, ihn über Nacht stehenlassen und am anderen Morgen beschnuppern. Überhaupt gilt die Pflicht zur Präzision. Holzaromen z.B. sind ein weites Feld; hier stellt sich die Frage ob Buchenholz, harzige Fichte, Süßholz oder ein faulender Stubben gemeint ist. Kaffee ist nicht gleich Kaffee, außerdem riecht er anders als Mocca und Espresso, bei Kakaonoten kommt es auf den Gehalt an Ölen an, die das Kakaoaroma bestimmten. Das Ganze verdient intensive Beschäftigung mit seinen Besonderheiten, ebenso die Reaktion der Zigarre auf schnelles Rauchen, starkes Ziehen etc.
Wenn es Ihnen nicht gelingt, mit der ersten Zigarre die Aromen und Nuancen herauszuschmecken, die Sie in unseren Beschreibungen entdecken, ist das nicht nur nicht verwunderlich, sondern auch kein Ärgernis. Drei oder fünf geschulte und erfahrene Tester haben naturgemäß einem Vorsprung vor dem einzelnen Genießer, der es sich mit seiner Zigarre auf dem Balkon bequem macht. Und jenen, die den Aromen nicht hinterherschmecken und sich nicht in Beschreibungen derselben üben, sondern einfach nur feststellen, daß Ihnen der Tabakgeschmack gefällt, und daß sie sich beim Genuß prima entspannen können, gibt es nichts vorzuhalten. Kleiner Tip für die private Verkostung: Am besten zwei Zigarren aus ein und der gleichen Kiste erwerben und an unterschiedlichen Tagen aber mit dem gleichen Begleitgetränk in Ruhe abschmecken. Schon wer dabei die wesentlichen Eindrücke notiert, wird neben Gemeinsamkeiten auch unterschiedliche Geschmacksbilder feststellen.

Also dann, auf viele weitere genußreiche Momente …

 

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