CONDORs Columne 5: Gutes vom Bauern

Sie werden das kennen; manchmal verlangt es unsereinen nach den guten einfachen Dingen des Lebens, und wir entdecken unsere bäurischen Wurzeln. Also machen wir uns auf die Suche nach etwas Natürlich-Erdverbundenem. Wo? Natürlich im Supermarkt. Es muss ja nicht immer gleich Pferd sein. Vor dem Fleischregal las ich „Delikatess-Bauernschinken herzhaft und nach traditioneller Art gegart, 3 % Fett, Original Rezeptur“. Der Slogan des Herstellers versicherte mir, die Qualität entstamme eines Meisters Händen. In Ordnung, dachte ich, und spendierte mir zum urigen Schinken ein „Echtes Bauern Schwarzbrot“, die Scheibe á 138 kcal, das sind 7 % der empfohlenen täglichen Energieaufnahme. Dunkel. Natürlich. Gut. Doch später in der heimischen Küche wollte die durch und durch ländliche Gaumenfreude nicht so recht aufkommen. Es gelang mir überhaupt nicht, auch nur eine Scheibe des geheimnisvollen Backwerkes vom Sockel - ich möchte betont nicht Laib schreiben - abzulösen. Dem Klunsch war nicht beizukommen. Hauptanteil neben Roggenvollkornschrot waren jedenfalls Wasser, von dem ich hoffte, es möge zumindest sauber gewesen sein, daneben Malzextrakt, Zuckerrübensirup, Speisesalz und Hefe. Alles Zeugs vom Bauern also, kein Trinitrotoluol, kein Dioxin und kein Viagra. Gebacken war an dem seltsam müffelnden Gebilde wahrscheinlich nichts. Ich brockte daran herum und steckte mir ein paar Krümel in den Mund, der sogleich durch Aromen wie von nassem Stroh und Kohlenanzünder erfüllt wurde. Daraufhin vorsichtig geworden, unterzog ich die Inhaltsangabe des herzhaft nach traditioneller Art gegarten Delikatess-Bauernschinkens einer genaueren Betrachtung. Tatsächlich enthielt er Glukosesirup, Speisesalz (bei dem jemand sich die Mühe gemacht hatte, es mit Jod zu versetzen) diverse Triphosphate als Stabilisatoren, Natriumcarbonat, natürliche Gewürzextrakte, Natriumnitrit, Buchenholzrauch und, jetzt kommt der Hammer – Schweinefleisch. Alles traditionell, bäurisch und überhaupt nach alten Originalrezepten gewissermaßen handgegart. Der Geschmack: leicht nach Geschirrspülmittel mit salzig-wässerigem Abgang, die Konsistenz: nasses Papiertaschentuch. Ich will es vorwegnehmen; ich warf die Mahlzeit einfach aus dem Fenster, wo die niedergehende Bauernbrot-Bauernschinken-Kombination unter ein paar Krähen Horror auslöste. Die, euphemistisch ausgedrückt, Schinkenscheibchen, waren von bescheidener optischer Qualität. Man konnte nicht so recht hindurch sehen, nur beinahe. Hätte ich wirklich Hunger gehabt, wäre mir nichts übrig geblieben, als mir den Inhalt von fünf Packungen dieser Art auf einmal übers Brot zu legen. Woraufhin der entstehende Druck sicher dazu geführt hätte, dass das Wasser nur so aus der dunklen Masse hervorgebrochen wäre, von dem es mir nicht gelungen war, auch nur eine einzige Scheibe abzulösen. Wobei wie ehrfurchtsvoll ergänzt werden muss, 14,2857 Scheiben dieser Masse meinen täglichen Kalorienbedarf abzudecken geeignet wären, wenn ich den Angaben der Herstellerfirma vertraut hätte. Aber wer vertraut schon jemandem, bei dem alles Konservierte, Stabilisierte und Folienverpackte gleich auch noch direkt vom Bauernhof kommen soll? Bauernhof, das müßte doch so was mit freundlichen Kühen, gackernden Hühnern, und drall-rotbäckigen Landfrauen sein, die sich darüber freuen, wenn die Schweinchen Ringelschwänze haben und beim Bauern alles in Ordnung ist. Jedenfalls wünscht man es sich so. Ich möchte mir meine Bauernschaft nicht beim Anrühren von Triphosphaten und Stabilisatoren vorstellen müssen.
Ein paar meiner Lieblingsbauern bewirtschaften ihre Äcker fernab unserer Supermärkte in der fernen Vuelta Abajo. Ihre Zugochsen warten geduldig in der kubanischen Sonne, während sich Jorge oder Pedro ihre Puros zurechtkauen und dann genußvoll in Brand stecken, ehe sie wieder daran gehen, den Boden für das Braune Gold, den edlen Havanna-Tabak, zu bearbeiten. Todo está bien.

 

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