CONDORs Columne 30: Die HÖFLICHKEIT DER KÖNIG

Das Neue Rathaus zu Leipzig wird von einer auffälligen Uhr mit kobaltblauem Zifferblatt verziert, welche die Aufschrift "Mors certa, hora incerta" trägt. Wer sich dem Stadtzentrum von Süden über den Peterssteinweg nähert, kommt kaum umhin, immer wieder zu lesen, dass der Tod gewiss, die Stunde aber ungewiß ist. Die Schlußfolgerung daraus ist jene, daß Zeit, für uns immer Lebenszeit, ein kostbares Gut ist. "Es gibt Diebe, die nicht bestraft werden, und die dem Menschen doch das Kostbarste stehlen, die Zeit." Dieses Zitat wird Napoleon Bonaparte zugeschrieben, der gleichwohl einer riesigen Zahl von Menschen Lebenszeit stahl, indem er sie schlicht umbringen ließ, mit diesem Satz aber ganz recht hatte. Denn der Umgang mit der Lebenszeit unserer Mitmenschen charakterisiert uns, wie kaum etwas anderes. "Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige", heißt es. Dem ist so, und entsprechend unköniglich sind wir unterwegs. Die allgemeine Unpünktlichkeit hat uns im Griff wie eine Flut. Man kommt und geht rücksichtslos zu spät. Mochte es für viele DDR-Bürger eine Bagatelle sein, zu spät zur Arbeit zu erscheinen, während im Westen die berufliche Existenz davon abhing, dies möglichst zu vermeiden; jedoch als sich Deutschland vereinigte, wunderten sich die Ossis, wie - vornehm ausgedrückt - unverbindlich das Gros der Westler mit diversen privaten Verabredungen umging. Mancher hörte, am Tag nach einem nicht erfolgten Treffen, am Telefon den gutlaunig gesprochenem Satz: "Ach was denn; du warst wirklich da?" Oft fehlte bloß noch das schallende Gelächter. Es schien unbegreiflich, wie ein Land, dessen Erfolg von Pünktlichkeit abhängt, Menschen hervorbringen konnte, denen es schnurzepiepe war, andere warten zu lassen oder zu versetzen. Das Geheimnis liegt in der Macht. Wer andere warten lässt, schwingt sich zum Herrscher über ihre Lebenszeit auf. So wird man zum kleinen, aber eben auch sehr unhöflichen König, egal ob man eigentlich Arzt, Anwalt, Beamter, Handwerker oder einfach nur der letzte Kneipengast ist. Nur wer uns wichtig ist, wird von uns durch Pünktlichkeit geehrt. Jene, von denen wir uns etwas erhoffen, dürfen uns getrost warten lassen. Die wir warten lassen hingegen, betrachten wir von oben. Treten und getreten-werden. Es gibt Zeitgenossen, deren Erscheinen man getrost beim Genuss von großformatigen Zigarren abwarten kann. Und es gibt Zeitgenossen, die stecken sich eine extragroße Zigarre an, nur um uns warten zu lassen. So geschehen, als Maestro Leonard Bernstein das gesamte New York Philarmonic Orchestra warten ließ, weil er in seiner Garderobe eine Prominente genoß. Gut, der durfte das. Wenn uns unter den gegebenen Umständen Leute aus anderen Kulturkreisen immer noch Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit bescheinigen, wie erst mag es in deren heimischen Pfuhlen der Beliebigkeit zugehen? Das berühmte mittelamerikanische „mañana” läßt grüßen Es heißt zwar „morgen“, bedeutet aber im günstigsten Fall „vielleicht“, zumeist „nie“. Bleibt die Frage, warum man sich überhaupt verabredet. Sei bitte pünktlich, heißt es. Es zielt auf den Punkt, wo jemand zur rechten Zeit am rechten Ort sein soll. Und mehr kann man ja im Leben kaum erreichen. Wer das nicht einsieht, braucht eigentlich weder Uhr noch Telefon noch Sprache überhaupt. Eine entwickelte Kommunikation ist evolutionär ebenso von Vorteil, wie eine effektive Organisation, denn man kann sich verabreden. Und Verabredungen, so sie denn eingehalten werden, sparen u.a. Zeit. Wer Zeit spart, erreicht mehr. Wer mehr erreicht, hat mehr. Und wer mehr hat, er wird früher oder später erleben, daß ihm die Unzuverlässigen, die Trödler, Zeitschuldner, Schludersäcke und Schlampen ans Eingemachte und ans Fell wollen.

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