CONDORs Columne 24: ALLES LÜGE

Wer lügt? Vermutlich alle. Irgendwie. Irgendwann. Zu irgendwelchen Zwecken. Um Vorteile zu haben. Um etwas besser zu machen. Um etwas schlimmer zu machen. Um etwas nicht zu machen. Um etwas nicht machen zu müssen. Die Lüge mitsamt ihrer unübersehbar großen Sippe aus Flunkereien, Ausreden, Beschönigungen, Unter- und Übertreibungen, Schmeicheleien und Wahlversprechen ist allgegenwärtig. Die Lüge kann niederträchtig sein und weise. Sie ist eine Triebkraft des gesellschaftlichen Fortschritts, hat das Zeug zum Salz der Welt. Man praktiziert sie und ist ihr ausgeliefert. Kein Wunder, lügen doch sogar jene Sprichwörter, die sich auf Lügen beziehen. Wer kennt nicht: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.“ Ist doch glatt gelogen. Ansonsten wäre alles anders, hätte auch Springers Axel Cäsar seiner vormaligen Geliebten, einem ehemaligen Kindermädchen, kein Milliardenimperium hinterlassen. Keiner würde einer Partei angehören, niemand würde auf Bildschirme starren, es sei denn, sie gehörten zu geeichten Messgeräten. Selbst die sprichwörtlich kurzen Beine der Lüge können sich über Jahrtausende erstrecken. Nicht nur Bibliotheken vatikanischen Formats sprechen Bände davon. Victor Klemperer, seines Zeichens Romanist, Philosoph und Germanist, Ordinarius an der Technischen Hochschule Dresden und durch Leben und Werk eine moralische Instanz des 20. Jahrhunderts, schrieb in seinen „Tagebücher(n) 1933-1945“ den denkwürdigen Satz: "Wahrheit spricht für sich allein - aber Lüge spricht durch Presse und Rundfunk." Es wäre eine Lüge, zu behaupten, daß er damit nur die Inserate gemeint hat. Freilich, damals war die Situation klar; es obwaltete die Propagandamaschinerie eines Tausendjährigen Reiches, und es wäre eine Lüge, zu behaupten, daß es wesentlich länger als zwölf Jahre gehalten hätte.
Heute funkt alles irgendwie rund, ist alles gepresst, und die Welt scheint vergessen zu haben, daß Lügen und Angebote vor allem demjenigen nutzen, der sie unterbreitet. Wenn mich die Last der Unwahrheiten zu sehr drückt , erhebe ich mich kreisend in die Lüfte und schaue ihnen allen von sehr weit oben beim Lügen zu, den Schmierfinken und Schmieranten, den Krakeelern und Intriganten. Gottseidank hört man dort oben nichts. Freilich, wer der Schwerkraft a priori zum Opfer gefallen ist, indem er nicht fliegen kann, dem bleibt nur, sich hinter einer wahrhaftigen und dichten Wolke Tabakrauch zurückzuziehen, und all die Lügen und ihre Emittenten sich selbst zu überlassen.

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