CONDORs Columne 23: DIE KARTE BITTE

Geleit: „Es ist besser, dass man beim Sprechen raucht. Die Zigarre ist Ablenkung. Man ist geneigt, sich gegenseitige Konzessionen zu machen…“ Otto von Bismarck – Wer gutwillig ist, sich also mit Konzessionen beschäftigt, der ist zuvörderst aufs Zuhören angewiesen.

Genau genommen, verbinden wir mit dem Begriff Speisekarte zu Unrecht positive Assoziationen. Wir sind es gewohnt, daß uns Gutes geboten wird, oder zumindest etwas, das wir, bis zum Beweis des Gegenteils, dafür zu halten glauben dürfen möchten. Dabei beinhaltet eine Karte letztlich nur eine Aufzählung von Dingen, unter denen wir auswählen können; Bauernfrühstück oder eins in die Fresse, marinierte Perlhuhnbrust auf spätsommerlich gekräuterter Linsenfarce an getorftem Limettenpüree mit einer Fantasie aus Golfschlägerspänen und Krokodilschinken, frittierte Schlachtabfälle mit Pommes und Transfettenvariationen, oder gedämpfte Mumpe, serviert im erfahrenen Gummistiefel und so weiter. Wir mögen über Details unterschiedlicher Meinung sein, doch vermögen wir unser Recht darauf zu behaupten, daß uns etwas angeboten wird, wenn wir uns im Bewußtsein der Verfügungsgewalt über akzeptierte Zahlungsmittel zu Tisch begeben. Ja, wir erwarten es. Wir haben Geld, somit Macht, und uns erfüllt die vermeintliche Sicherheit, Entscheidungen treffen zu dürfen. Wenn der Meier* (*Name von der Redaktion geändert) nur Bockwurst hat, und man gerade keine Bockwurst will, dann kann man ja woanders hingehen. Anders als mit dieser grundsätzlichen Ausrichtung auf Angebot und Nachfrage funktioniert nun mal kein Markt. Die Sache läuft immer auf das Gleiche hinaus - ich habe; willst du? Und: Kannst du? Und dann: Wie viel kannst du? Und dann auch noch: Wie viel kannst Du wirklich gerade noch? Das alles durchschaut der mündige Konsument. Komischerweise klappt dieses in der Politik nicht. Dabei funktionieren so ähnlich auch uns als demokratisch bekannte Wahlen. Ein Jemand stellt sich hin und sagt: Ich habe, wollt ihr? Aber vielleicht ist das gar nicht so demokratisch? Stellen sich nicht alle möglichen Jemande hin und sagen: Wir wollen; wollt ihr auch? Oder ist es nicht vielleicht sogar so, daß sich die Jemande hinstellen und nur vorgaukeln, etwas zu wollen, was auch andere wollen könnten, um zu erreichen, daß diese zunächst erst einmal sie wollen sollen? Etwa so, wie ein verschlampter Hilfskoch sich in seiner Schmuddelküche daran macht, vermeintliches Bœuf Stroganoff aus Schweinekamm und Mehlschwitze zu matschen, dessen Verkündigung der Speisekarte trügerisch Glanz verleihen soll. Die Konsequenz: Schon mancher tat sich schwer mit dem Schlucken frei gewählter Köstlichkeiten; nicht wenige sind daran zugrunde gegangen. Nun, da Europa zunehmend Besuch von Auswärts bekommt, entpuppt sich die freiheitlich demokratische Speisekarte trotz unaufgekündigter Marktwirtschaft als dürftigst. Selbst in der Ausführung für Altersweitsichtige paßt sie auf eine Briefmarke. Die Politik stinkt vor Bodensatz. Die Geschäftsleitung des gemeinsamen Hauses offeriert uns; und spätestens seit dem üblen Kasperletheater zu Heidenau sollte das jedem klar sein, folgende Alternativen: Pro oder Contra. Denn, wer gegen den Besuch ist, besetzt das falsche Eck. Wer Angst hat, gerät ins falsche Eck. Wer Bedenken äußert, wird ins falsche Eck geschoben. Wer nicht vorbehaltlos Hurra schreit, kriegt Probleme und also auf die Fresse. So oder so, von da oder da. Das ist nun nichts Neues. Erfolglose Gesellschaftssysteme auf deutschem Boden wucherten zuvörderst auf eben diese Unart und Weise. Es sind in deutschen Landen wohl immer gerade einfach zu viele, die vom besoffenen Hurra leben. Sie verfälschen und unterdrücken notwendige Diskussionen über das Wie zu explosiven Blähungen darüber, ob oder ob nicht. Das Fressen, welches sie der Speisekarte offerieren, ist für Nichtextremisten und Selbstdenker unbekömmlich. Mach mit, oder halts Maul! Friß oder stirb! Die eigentlich bezahlen müssten, haben die Speisekarte aufgelegt und schweben über allem. Obzwar nun wir bezahlen – sollen, müssen, dürfen, können, wollen - die Karte ist plötzlich nur schwarz-weiß. Nicht aber die Menschen. Nicht jene die kommen, nicht jene die da sind.

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