CONDORs Columne 21: KLEINE TYPOLOGIE DER ZIGARRENRAUCHER

Immer wieder gibt es Versuche, das Zigarrenrauchen, wenn schon nicht psychologisch zu durchdringen, so doch daran herum zu psychologisieren. Offenbar gibt die rar gewordene Spezies der Zigarrenraucher dem Rest der Menschheit zusehends Rätsel auf, die man zu lösen versucht.
Vor allem anhand der bevorzugten Formate will man auf bestimmte Charaktereigenschaften des Zigarrengenießers schließen können. Wer beispielsweise das Robustoformat bevorzugt, gilt den Zigarrentypologen als genußorientierter bodenständiger Mensch, dem die Zigarre jedoch nicht ein und alles ist. Er soll Familienmensch sein, praktisch orientiert, in Haus, Hof und Hund investieren, eher Van als SUV fahren, Angst vor Prostatakrebs haben und eher betrunken werden, als jene, die gern zu größeren Formaten greifen. Einer dieser Spezies soll der Churchill-Raucher sein, der sich mit großer Selbstverständlichkeit im Leben behauptet und nach dem Motto lebt: „Wer schon im Kleinen nachgibt, kann im Großen nicht gewinnen.“ Man trifft ihn heute nur selten, und wenn, dann wird man ihm günstigenfalls vorgestellt. Ein Churchill-Raucher gilt als souverän und würde auf die eindringliche Bitte seiner Ehefrau, das Zigarrenrauchen aufzugeben, sonst würde sie sich von ihm trennen, wie weiland Croucho Marx reagieren: „Nein, aber wir können gute Freunde bleiben.“ Greift jemand gar zur imposanten Doppelcorona, so unterstellt man ihm, ein selbstverliebter aber ausdauernder Genießer mit reichem Erfahrungsschatz zu sein, der vielfältige Interessen pflegt. Er behandelt Frauen und Zigarren gleichermaßen geschickt und mit Hochachtung, ohne indes sein Ego zu verleugnen; er will eigentlich alles, wenn es denn nur gut genug ist. Wer hingegen schmale Formate in Zug nimmt, gilt zwar als selbstbestimmt und extrovertiert, aber auch als etwas nervös und mit der Neigung zu Diarrhoe behaftet. Wer gern Figurados mittlerer Größe mag, soll im Grunde ein harmoniebedürftiger Mensch sein. Das könnte stimmen; wer schließlich hat Hitler oder Hannibal Lecter je mit einer Perfecto gesehen? Große Figurados hingegen; Diademas, Salomones & Co. sind in der Winkelpsychologie des Zigarrenrauchens all jenen vorbehalten, die sich ihren Leidenschaften ergeben und dafür notfalls teuer bezahlen. Havannaraucher gelten als kenntnisreicher, erfahrener und durchschnittlich älter als Nicaragua-Bevorzuger. Die wiederum sind härter besaitet als jene, die Tabake von der Insel Hispaniola mögen. Wer Shortfiller favorisiert, gilt als sparsam – Kunststück, diese Dinger sprengen bekanntlich nicht einmal dann den finanziellen Rahmen, wenn man jeden Tag ein Dutzend davon verqualmt.
Von Bedeutung ist den Seelenanalysten auch die Art und Weise, wie man eine Zigarre hält. Jemand, der sie bei nach oben gerichteter Handfläche zwischen Daumen und Zeigefinger hält, gilt als vernunftorientiert und mit deutlichem Gerechtigkeitssinn ausgestattet. Höchstwahrscheinlich gibt er seine Steuererklärung rechtzeitig ab und ist Gegner der Todesstrafe. Wer die Zigarre mit dem Brandende nach unten zwischen Zeige- und Mittelfinger klemmt, soll ein verständnisvoller Mitmensch mit Hang zum Schwadronieren sein. Er neigt zum Frauenverstehen und wird im Alter eher von Schwindelanfällen heimgesucht. Der Egoist legt Mittelfinger und Zeigefinger von oben auf die Zigarre, die von unten mit dem Daumen gedrückt wird, wobei sich die Zigarre in waagerechter Lage befindet. Als Freier ist er ebenso unbeliebt, wie als Vorgesetzter. Der rachsüchtige Korinthenkacker schließlich bildet eine Art Faust, aus der die Zigarre, von oben durch Daumen und Zeigefinger gehalten, wie eine gefährliche Waffe herausragt. Er ist überzeugt davon, gleichzeitig aber weit davon entfernt, alles zu verstehen. Den „nur scheinbar Zigarrenraucher“ erkennt man daran, daß er überhaupt nicht weiß, wie man eine Zigarre halten soll und deshalb ständig herumfuchtelt. Kein Wunder, eigentlich ist er nur Zigarettenkonsument und von jedem Format überfordert. Um das zu kaschieren, rührt er immerzu wie wild in seiner Kaffeetasse oder seinem Cocktail.
So weit, so gut. Eine Spezies aber ist tatsächlich mühelos und fehlerfrei zu erkennen - der Asket. Woran? Ganz einfach; er hat überhaupt nie eine Zigarre in der Hand.

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