CONDORs Columne 12: KÜNSTLERISCHE FREIHEIT

Neulich sah ich einen dürren Mann nackt am Boden. Das war auf einer Fotoserie und wäre an und für sich noch kein besonderes Ereignis gewesen. Nicht nur in der Sahelzone gibt es das tausendfach. Doch der Mann hockte auf dem Roten Platz zu Moskau und hatte, glaubt man der Berichterstattung, seine Hoden darauf angenagelt, um gegen die Regierung zu protestieren. Ziemlich ausgeklügelt das Ganze, denn er rechnete wohl damit, daß ihn die Polizei auffordern würde, aufzustehen. Und er freute sich wohl auf die Überraschung. Von Beruf soll der Eiermann Performancekünstler sein. Die Botschaft hieß also wohl; das habt Ihr Deppen nun davon, daß meine Bollen hinüber sind. Vielleicht gar nicht so schlimm, wenn die Vermehrung der Performancekünstler solcherart durch einfaches Handwerkszeug gestoppt werden kann. Google eröffnet ungefähr 94.500 Einträge, wenn man das deutsche Suchwort Performancekünstler eingibt. Man darf also getrost davon ausgehen, daß es genügend Performancekünstler gibt. Auch wenn in der Vergangenheit immer wieder welche zu Schaden, wenn nicht sogar ums Leben kamen. Denn Performance generiert sich in der Überschreitung von Grenzen. Insbesondere auch immer wieder jener Grenzen, die von Vernunft und gutem Geschmack gezogen sind. Vor Jahren schockte man beispielsweise den damals bereits betagten Schlagerbarden Frank Schöbel, indem man ihn bei Dreharbeiten in der Berliner S-Bahn damit konfrontierte, daß sich in seiner Nähe ein Performancekünstler unversehens eine Karotte (Daucus carota) in den Allerwertesten steckte. Körperöffnungen üben offenbar eine besondere Anziehungskraft auf Performancekünstler und Performancekünstlerinnen aus, wobei letztere hierbei gegenüber ihren männlichen Kollegen einen gewissen Vorteil ausspielen können. Blut, Exkremente und Knallkörper gehören zu den gängigsten Requisiten der Performance-Schaffenden. Selbst in den stillen Zonen mitteleuropäischer Kleinstädte sind Performanceschaffende, die mehr oder weniger nackt, bestrichen mit dieser oder jener Substanz, schreiend oder ganz und gar verstummt auftreten, zum gewohnten Anblick geworden. Da verwundert es kaum noch, wenn ein Unfallopfer stundenlang herumliegt und von einem LKW nach dem anderen überfahren wird. Ich selbst erlebte, wie ein Transvestit in High-Heels umknickte und die Foyertreppe eines Opernhauses hinabkollerte, wofür ihm dezenter Beifall gespendet wurde. Nur aus der Presse hingegen erfuhr ich, dass der Ex-Jäger Peter C. (64) gegen die Entscheidung des Berliner Verwaltungsgerichtes Beschwerde einzulegen gedenkt, welches ihm die Jagderlaubnis entzogen hat. Der Grund war eine Lappalie; der gute Mann hatte versehentlich ein ordnungsgemäß geimpftes und friedlich weidendes Islandpony erschossen, weil er es für ein Wildschwein hielt. Kann ja mal passieren. Hoffentlich haut ihm selbst mal keiner mit dem Hammer über die Rübe, weil er ihn für einen Vollpfosten hält. Nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn der ehemalige Waidmann seine Pony-Erschießung als Performancenummer erklärt hätte. Nicht nur, daß er seine Jagderlaubnis behalten hätte; er wäre wohl mit seinem Schießprügel ganz groß rausgekommen, bei der Künstlersozialkasse angemeldet und zur nächsten Documenta eingeladen worden.

Dann doch lieber eine anständige Zigarre.

 

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